Dokumentarfilm dreht den Spieß um: Wie der Westen unter der Lupe der Ost-Perspektive steht
Leon FischerDokumentarfilm dreht den Spieß um: Wie der Westen unter der Lupe der Ost-Perspektive steht
Regisseur Matthias Schmidt dreht den Spieß um: Jahrzehntelange West-Berichterstattung über den Osten wird auf den Kopf gestellt. Sein neuer Dokumentarfilm "Wut. Jetzt fahren wir in den Westen" kehrt die Perspektive um und untersucht das Leben in Nordrhein-Westfalen mit denselben Fragen, die einst Ostdeutschen gestellt wurden. Das Projekt stellt sich den lang gehegten Frustrationen entgegen, wie der Osten von Außenstehenden dargestellt wurde.
Jahre lang haben Ostdeutsche westdeutsche Journalisten kritisiert, die in ihre Region kamen, mit bohrenden Fragen nachhakten und dann behaupteten, ihr Leben zu verstehen. Schmidts Film wendet nun dasselbe Verfahren an – nur diesmal im Westen.
Der Dokumentarfilm konzentriert sich auf Nordrhein-Westfalen, ein Bundesland, das wegen seines industriellen Niedergangs und wirtschaftlicher Kämpfe ausgewählt wurde – Probleme, die denen des ehemaligen Ostens ähneln. Schmidt spricht mit Einheimischen, Zugewanderten aus der DDR und Menschen mit Migrationshintergrund. Ihre Perspektiven zeigen eine Region, die mit ihrer eigenen Identität und inneren Spaltungen ringt.
Ein Kneipenbesitzer in Wattenscheid bringt die Stimmung auf den Punkt: "Ich glaube, jeder hat sich die Mauer ein bisschen wieder selbst aufgebaut." Der Film legt nahe, dass sich die Kluft zwischen Ost und West 35 Jahre nach der Wiedervereinigung vertieft hat, statt zu verschwinden. Anders als der Osten hat der Westen jahrzehntelange Einwanderung erlebt, die seine Gesellschaft auf eine Weise geprägt hat, die vielen Ostdeutschen fremd bleibt.
Schmidts Ansatz ist eine direkte Antwort auf die Tradition westdeutscher Reporter, die in den Osten reisten, um das Leben dort zu dokumentieren. Indem er die Reise umkehrt, deckt er auf, wie wenig beide Seiten einander wirklich verstehen. Der Film argumentiert, dass beide Regionen auf ihre Weise neue Barrieren errichtet haben – Barrieren, die das Land einst teilten.
Der Dokumentarfilm zeigt ein Deutschland, das heute zersplitterter ist als 1990. Er offenbart, wie Vorurteile und das Fehlen gemeinsamer Erfahrungen neue Mauern zwischen Ost und West geschaffen haben. Schmidts Werk hinterlässt beim Zuschauer eine ernüchternde Erkenntnis: Die Fragen, die einst dem Osten gestellt wurden, sagen heute genauso viel über den Westen aus.






