19 March 2026, 22:03

Elite-Treffen unter falscher Flagge: Wie der Familienunternehmer-Kongress den Mittelstand instrumentalisiert

Offenes Buch mit handschriftlicher genealogischer Familiengeschichte.

Elite-Treffen unter falscher Flagge: Wie der Familienunternehmer-Kongress den Mittelstand instrumentalisiert

Seit fast 30 Jahren veranstaltet die private Universität Witten/Herdecke den Familienunternehmer-Kongress, ein exklusives Treffen der vermögendsten Unternehmerfamilien Deutschlands. Die Veranstaltung gibt sich als Forum für den Mittelstand – die mittelgroßen Unternehmen des Landes – aus, doch Untersuchungen zeigen, dass sie vor allem Unternehmenserben und Großkonzerne mit Jahresumsätzen von weit über 50 Millionen Euro bedient. Hinter der glatten Fassade verbirgt sich ein Netzwerk aus Lobbyismus, politischem Einfluss und wirtschaftsnaher Forschung.

Der Kongress funktioniert als geschlossene Networking-Veranstaltung für eine wirtschaftliche Elite. Die Teilnahme kostet rund 2.000 Euro und ist ausschließlich Mitgliedern von Unternehmerfamilien vorbehalten. Zwar wird er von den Organisatoren als Plattform für den Mittelstand beworben, doch eine Analyse offenbart: Die meisten Teilnehmer vertreten Großunternehmen und nicht die klassischen mittelständischen Betriebe. Welche Unternehmen oder Familien konkret teilnehmen, geht aus öffentlichen Unterlagen nicht hervor – ebensowenig wie ihre Positionen zu Erbschaftssteuern oder Klimapolitik.

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Die politische Agenda der Veranstaltung spiegelt die der Stiftung Familienunternehmen wider, einer Lobbyorganisation, die sich für den Erhalt großer Vermögen und die Sicherung der Familiennachfolge in Unternehmen einsetzt. Im Mittelpunkt der Diskussionen stehen Strategien, um die Wettbewerbsfähigkeit zu wahren und gleichzeitig Vermögen vor Steuern zu schützen. Höhepunkt des Kongresses ist ein Galadinner, bei dem Studierende der Universität – beschäftigt zu Mindestlohn – die Gäste bedienen.

Die Rolle der Universität beschränkt sich nicht auf die Ausrichtung der Veranstaltung. Personelle Verflechtungen zwischen ihren Mitarbeitern, Wirtschaftsnetzwerken und Lobbyorganisationen verwischen die Grenzen zwischen akademischer Forschung, wirtschaftspolitischer Interessenvertretung und politischem Lobbyismus. Kritiker werfen der Hochschule vor, ihre Existenz zunehmend von den finanziellen Verbindungen zum Kongress und seinen Teilnehmern abhängig zu machen – was Fragen nach Unabhängigkeit und Transparenz aufwirft.

Der Familienunternehmer-Kongress bleibt ein zentraler Knotenpunkt in einem dicht geknüpften System unternehmerischen Einflusses. Er verbindet vermögende Familien, Lobbyisten und Forscher unter dem Deckmantel des Mittelstands, doch im Fokus steht der Schutz wirtschaftlicher Eliteinteressen. Die Struktur der Veranstaltung – vom exklusiven Zugang bis hin zur Ausnutzung niedrig bezahlter studentischer Arbeitskräfte – offenbart die Kluft zwischen ihrem öffentlichen Image und der tatsächlichen Praxis.

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